15 september 2026

Welche Hoffnung l(i)eben wir?

Geschreven door Christian Modehn
Deutsch huskyherz via Pixabay Welche Hoffnung l(i)eben wir?

Wenn meine Gespräche mit Freund*innen oder Kolleg*innen den Small Talk überwinden und wir wahrhaftig miteinander sprechen, sagen einige, manchmal flüsternd, manchmal wütend: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Das meinen sie als eine Art Bekenntnis, wie einen Hilferuf: „Meine Hoffnung darf nicht sterben in unserer Welt, die so oft Hoffnung vernichtet.“

Es ist, knapp gesagt, offensichtlich: Viel zu wenig wird besser. Den Krieg Russlands gegen die Ukraine und die liberale Welt will Putin nicht beenden. Regierungen wollen oder können auf Umweltkatastrophen und Klimakrisen nicht umfassend hilfreich reagieren. Arme Menschen weltweit, auch bei uns, werden immer ärmer, rechtsextreme Parteien sind kaum zu stoppen und so weiter…

Es hilft nur, die „Volksweisheit“: „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ kritisch zu befragen.

Hoffnung hat nichts mit Optimismus zu tun. Der Pessimist ist fixiert auf eine dunkle, schlimme Zukunft. Der Optimist behauptet „blauäugig“, immer eine gute Zukunft und redet uns ein: „Alles nicht so schlimm“, „Es wird schon wieder.“ Für den Psychologen und Philosophen Erich Fromm ist Optimismus nur „untätiges Abwarten“, eine „verkappte Form der Hoffnungslosigkeit“.

Hoffnung wird oft zur Erwartung, andere werden schon alles tun, … etwa gegen den Wahn der Rechtsradikalen, der Antisemiten, der Feinde der Queer-Community …Aber: Hoffnung gibt es nur als Handeln „zugunsten des Guten“, sagten Philosophen einst. Heute heißt es konkreter und vernünftiger: Hoffnung ist mein Handeln zugunsten der Menschenrechte.

Aber dieses Handeln als Hoffnung ist nicht immer erfolgreich; zu heftig sind die Widerstände, endlos die Theoriendebatten „im Vorfeld“. Hoffnungen im Alltag, im politischen wie im persönlichen, familiären, scheitern oft. Dann sterben unsere begrenzten Hoffnungen.

Was hilft uns weiter? Ich meine, ein Vorschlag, den die französische Sprache anbietet: Sie unterscheidet zwischen espoir als Hoffnung im überschaubaren Alltag, also etwa: Hoffnung auf gute Gespräche morgen oder die pünktliche Bahn übermorgen. Und dann gibt es Hoffnung als espérance: die Hoffnung, die in die Weite und zugleich in die Tiefe des Lebens führt. Es ist die Hoffnung, dass wir „trotz allem“ von einem letztlich guten und heilsamen, aber niemals total durchschaubaren Lebenssinn „getragen“ sind. So kann Lebenssinn erfahren werden. Nicht nur Poeten nennen diese espérance eine „Gabe des Ewigen“, des Göttlichen, an die Menschen. Diese Hoffnung, diese espérance, sollten wir pflegen: in der Meditation, im Gebet, im Dialog. Dann kann erlebbar werden: Diese espérance ist die „Dynamik des menschlichen Geistes“ (Erich Fromm). Sie ist die Kraft des Guten, des Friedens, der Liebe.

Die Hoffnung im Sinne von espérance kann nicht sterben: Menschen haben Anteil am Ewigen, über den Tod hinaus. Das wissen religiöse Menschen. Ohne Transzendenz ist die espérance nicht zu verstehen. Selbst der Kirchenkritiker Immanuel Kant hielt an dieser Hoffnung fest: als „einem Postulat der Vernunft“.

Christian Modehn, Berlin

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